wr-logo.jpgvon 15.7.08 aus Eschwege

Das letzte große Abenteuer bestanden

Eschwege. Der gebürtige Eschweger Motorsportler Klaus Nennewitz belegte bei der gerade beendeten Rallye Dresden-Breslau in der Motorradwertung von 88 Teilnehmern den hervorragenden 7. Gesamtrang.
Bei der 14. Ausgabe der Marathon-Rallye gingen 88 Motorräder, 170 Geländewagen und 45 zum Teil schwere Off-Road-Lkw am 28. Juni auf der Augustusbrücke in Dresden an den Start, um von Ex-Rallye-Weltmeister Walther Röhrl auf die acht Etappen der rund 1200 km langen Strecke durch Sachsen, Brandenburg und Polen geschickt zu werden.
Nach einem Zwischenstopp mit Sonderprüfung auf dem ehemaligen Militärgelände an der weltgrößten freitragenden Halle der Welt, dem „Tropical Island“ südlich von Berlin, ging die Strecke über riesige Truppenübungsplätze des ehemaligen Warschauer Paktes und endlose, sandige Panzer-Verbindungswege durch die weiten polnischen Pinienwälder.
ABC des Roadbooks
Die Navigation stellte extreme Anforderungen an die Teilnehmer: Im so genannten „Roadbook“, welches an der Stelle des Tachos am Motorrad montiert ist, sind auf hintereinander geklebten DIN-A5-Seiten, die mit Hilfe eines von der linken Hand während der Fahrt bedienten elektrischen Spulmechanismus abgerollt werden, vereinfachte Skizzen der Streckenführung gezeichnet, die manchmal nur Abstände von wenigen Metern haben und ständig mit dem Kilometerzähler abgeglichen werden müssen, um die richtige Strecke durch Sümpfe, Wälder, Wiesen und über Forstwege zu finden. Gelegentlich muss auch der Kompass zur Hilfe genommen werden, um z.B. einer fünf Kilometer langen Luftlinie direkt durch den Wald zu folgen.
Tagesetappen von 100 bis zu 450 km mit reinen Fahrzeiten von bis zu 10 Stunden stellen dabei große Anforderungen an Konzentrationsvermögen und körperliche Kräfte.
Insgesamt bewegte der Rallyetross dieses Jahr rund 1500 Fahrer und Serviceleute, das abendliche Fahrerlager auf Militärflugplätzen stand dem der Rallye Paris-Dakar in Größe und Atmosphäre in nichts nach.
Anpassungsschwierigkeiten
Klaus Nennewitz war auf einer von Siebert-Motorsport aus Meckbach vorbereiteten KTM 525 an den Start gegangen und hatte nach zwei Jahren Rennpause während der ersten zwei Etappen noch große Anpassungsschwierigkeiten - Nennewitz verlor auf der ersten Etappe über 20 Minuten auf den späteren Sieger -, die sich aber auf den schnellen Etappen in Polen auch dank der optimalen Betreuung im Münchner Baumann-Team schnell legten.
Die größte Herausforderung waren die Durchquerungen der Sümpfe: Zu Fuß musste die Strecke durchs Schilf abgelaufen werden, um eine fahrbare Passage zu finden. Zweimal musste Nennewitz dabei fremde Hilfe in Kauf nehmen, nachdem Fahrer und Motorrad bis zur Sitzbank im tiefen Schlamm versunken waren.
Aber auch die Kompassnavigation auf enormen Sandfeldern von rund 10 km Durchmesser war sehr anspruchsvoll und ließ Erinnerungen an afrikanische Wüsten wachwerden.
Holländer gewinnt
Gewonnen wurde die Veranstaltung vom mehrmaligen holländischen Dakarteilnehmer Henk Knuiman, während Nennewitz’ österreichischer Teampartner Mathias Vetiska Dritter und der Leipziger Robert Leischner Fünfter wurden.
Konstanz und Durchhaltevermögen mit Tagesplatzierungen unter den ersten zehn Fahrern in fast jeder Etappe mit einem herausragenden 5. Platz in der Marathonetappe von 450 km ermöglichten am Ende den 7. Gesamtplatz für Nennewitz, mit dem das KTM-Team auch den zweiten Preis in der Mannschaftswertung gewann.
Hintergrund: Fahren, Navigieren, Reparieren
„Diese Rallye ist eins der letzten großen Abenteuer“, schwärmen Teilnehmer der Rallye Dresden-Breslau , die 1994 erstmals gestartet wurde und mit 27 Fahrzeugen ein eher bescheidenes Teilnehmerfeld vorweisen konnte. In diesem Jahr war die 14. Auflage des Motorsport-Events, das sich mittlerweile als größte und anspruchsvollste Amateurrallye in Europa etabliert hat.
Bis zu ihrer 12. Auflage startete sie als „Berlin-Breslau“ nahe der deutschen Hauptstadt, ehe im vergangenen Jahr Elbflorenz zum Startort auserkoren wurde, um eine ganz außergewöhnliche Verbindung zwischen beiden Partnerstädten zu dokumentieren.
In diesem Jahr mussten die Fahrer nach dem Start auf der Augustusbrücke zwischen der Semperoper und dem Goldenen Reiter rund 1200 Wertungskilometer in sechs Etappen - von Rundkursen über die 460 Kilometer langen Marathonetappe bis hin zur zweimal 45 Kilometer Siegesetappe - absolvieren, ehe die ehemals schlesische Hauptstadt an den Ufern der Oder erreicht war.
Auf dem Weg dahin hatten die Fahrer mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen, begleiteten sie sandige und matschige Passagen, mussten Wassergräben und Hohlwege ebenso durchfahren werden wie Mondlandschaften und steile Kuppen. Fahrkünste sind hier ebenso gefragt wie Navigationstalent und die Fähigkeit, am Ende des Tages die schlimmsten Schäden notdürftig zu reparieren.
Die Rallye ist eine lizenzfreie Amateur-Fahrer-Rallye. Sie darf von jedermann (-frau) mit gültiger Fahrerlaubnis gefahren werden. Voraussetzung ist eine umfangreiche technische Abnahme der Fahrzeuge. (Samstag, 12. Juli 2008)