|

Das letzte große Abenteuer bestanden
Eschwege. Der gebürtige Eschweger Motorsportler Klaus Nennewitz
belegte bei der gerade beendeten Rallye Dresden-Breslau in der
Motorradwertung von 88 Teilnehmern den hervorragenden 7. Gesamtrang.
Bei der 14. Ausgabe der Marathon-Rallye gingen 88 Motorräder, 170 Geländewagen
und 45 zum Teil schwere Off-Road-Lkw am 28. Juni auf der Augustusbrücke
in Dresden an den Start, um von Ex-Rallye-Weltmeister Walther Röhrl auf
die acht Etappen der rund 1200 km langen Strecke durch Sachsen,
Brandenburg und Polen geschickt zu werden.
Nach einem Zwischenstopp mit Sonderprüfung auf dem ehemaligen Militärgelände
an der weltgrößten freitragenden Halle der Welt, dem „Tropical
Island“ südlich von Berlin, ging die Strecke über riesige Truppenübungsplätze
des ehemaligen Warschauer Paktes und endlose, sandige
Panzer-Verbindungswege durch die weiten polnischen Pinienwälder.
ABC des Roadbooks
Die Navigation stellte extreme Anforderungen an die Teilnehmer: Im so
genannten „Roadbook“, welches an der Stelle des Tachos am Motorrad
montiert ist, sind auf hintereinander geklebten DIN-A5-Seiten, die mit
Hilfe eines von der linken Hand während der Fahrt bedienten elektrischen
Spulmechanismus abgerollt werden, vereinfachte Skizzen der Streckenführung
gezeichnet, die manchmal nur Abstände von wenigen Metern haben und ständig
mit dem Kilometerzähler abgeglichen werden müssen, um die richtige
Strecke durch Sümpfe, Wälder, Wiesen und über Forstwege zu finden.
Gelegentlich muss auch der Kompass zur Hilfe genommen werden, um z.B.
einer fünf Kilometer langen Luftlinie direkt durch den Wald zu folgen.
Tagesetappen von 100 bis zu 450 km mit reinen Fahrzeiten von bis zu 10
Stunden stellen dabei große Anforderungen an Konzentrationsvermögen und
körperliche Kräfte.
Insgesamt bewegte der Rallyetross dieses Jahr rund 1500 Fahrer und
Serviceleute, das abendliche Fahrerlager auf Militärflugplätzen stand
dem der Rallye Paris-Dakar in Größe und Atmosphäre in nichts nach.
Anpassungsschwierigkeiten
Klaus Nennewitz war auf einer von Siebert-Motorsport aus Meckbach
vorbereiteten KTM 525 an den Start gegangen und hatte nach zwei Jahren
Rennpause während der ersten zwei Etappen noch große
Anpassungsschwierigkeiten - Nennewitz verlor auf der ersten Etappe über
20 Minuten auf den späteren Sieger -, die sich aber auf den schnellen
Etappen in Polen auch dank der optimalen Betreuung im Münchner
Baumann-Team schnell legten.
Die größte Herausforderung waren die Durchquerungen der Sümpfe: Zu Fuß
musste die Strecke durchs Schilf abgelaufen werden, um eine fahrbare
Passage zu finden. Zweimal musste Nennewitz dabei fremde Hilfe in Kauf
nehmen, nachdem Fahrer und Motorrad bis zur Sitzbank im tiefen Schlamm
versunken waren.
Aber auch die Kompassnavigation auf enormen Sandfeldern von rund 10 km
Durchmesser war sehr anspruchsvoll und ließ Erinnerungen an afrikanische
Wüsten wachwerden.
Holländer gewinnt
Gewonnen wurde die Veranstaltung vom mehrmaligen holländischen
Dakarteilnehmer Henk Knuiman, während Nennewitz’ österreichischer
Teampartner Mathias Vetiska Dritter und der Leipziger Robert Leischner Fünfter
wurden.
Konstanz und Durchhaltevermögen mit Tagesplatzierungen unter den ersten
zehn Fahrern in fast jeder Etappe mit einem herausragenden 5. Platz in der
Marathonetappe von 450 km ermöglichten am Ende den 7. Gesamtplatz für
Nennewitz, mit dem das KTM-Team auch den zweiten Preis in der
Mannschaftswertung gewann.
Hintergrund: Fahren, Navigieren, Reparieren
„Diese Rallye ist eins der letzten großen Abenteuer“, schwärmen
Teilnehmer der Rallye Dresden-Breslau , die 1994 erstmals gestartet wurde
und mit 27 Fahrzeugen ein eher bescheidenes Teilnehmerfeld vorweisen
konnte. In diesem Jahr war die 14. Auflage des Motorsport-Events, das sich
mittlerweile als größte und anspruchsvollste Amateurrallye in Europa
etabliert hat.
Bis zu ihrer 12. Auflage startete sie als „Berlin-Breslau“ nahe der
deutschen Hauptstadt, ehe im vergangenen Jahr Elbflorenz zum Startort
auserkoren wurde, um eine ganz außergewöhnliche Verbindung zwischen
beiden Partnerstädten zu dokumentieren.
In diesem Jahr mussten die Fahrer nach dem Start auf der Augustusbrücke
zwischen der Semperoper und dem Goldenen Reiter rund 1200
Wertungskilometer in sechs Etappen - von Rundkursen über die 460
Kilometer langen Marathonetappe bis hin zur zweimal 45 Kilometer
Siegesetappe - absolvieren, ehe die ehemals schlesische Hauptstadt an den
Ufern der Oder erreicht war.
Auf dem Weg dahin hatten die Fahrer mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen,
begleiteten sie sandige und matschige Passagen, mussten Wassergräben und
Hohlwege ebenso durchfahren werden wie Mondlandschaften und steile Kuppen.
Fahrkünste sind hier ebenso gefragt wie Navigationstalent und die Fähigkeit,
am Ende des Tages die schlimmsten Schäden notdürftig zu reparieren.
Die Rallye ist eine lizenzfreie Amateur-Fahrer-Rallye. Sie darf von
jedermann (-frau) mit gültiger Fahrerlaubnis gefahren werden.
Voraussetzung ist eine umfangreiche technische Abnahme der Fahrzeuge.
(Samstag, 12. Juli 2008)
|