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Klaus Nennewitz

DAMPFZÜGE

Einen Zug verpasst man normalerweise wenn man zu spät zur Abfahrt erscheint. Aber die Carpat-Express Rallye 2005 in Rumänien lehrt Rallyeeinsteiger, dass man den Zug schon verpasst hat, wenn er gerade einläuft.

Während Du gerade in Panik damit beschäftigt bist Dein Roadbook zu interpretieren um die richtige Passage  aus einem schlammigen Waldstück zu finden, läuft von hinten eine Gruppe Rallyefahrer auf, in welcher der erste, normalerweise sehr schnelle Fahrer und gute Navigator Lokomotive für eine variable Anzahl von anderen Fahrern spielt und sie wie Güterwaggons hinter sich herzieht.

Ich könnte heulen: unterwegs bei meiner ersten richtigen, navigierten Rallye stehe ich mit angelaufener Brille völlig verschlammt im Wald und sehe meine harte Navigationsarbeit der ersten 100 km Sonderprüfung von einer Gruppe Mitläufer ruiniert.

Die von Dinu Solojan in Zusammenarbeit mit der italienischen  Agentur Filos (Ausrichter der italienischen Rallyemeisterschaft) und dem 10-maligen Dakarteilnehmer Emanuele Cristianelli organisierte Veranstaltung gewinnt in ihrer 6. Ausgabe an Profil auch Dank der steigenden Anzahl ausländischer (d.h. nicht-italienischer) Teilnehmer.

Aus deutscher Sicht war man gespannt auf die Teilnahme der Berlin-Breslau Sieger Thomas Schilcher (2004) und Christian Wölfl (2005) sowie Georg Grune und den mit spanischer Lizenz startenden Autor. Insgesamt starteten rund 40 Motorräder in Wertung während ca 30 Fahrer nach dem Start des letzten Teilnehmers die komplette Strecke als „Raid“ abfahren konnten um Roadbook- und Navigationserfahrung zu sammeln.

Die Gesamtstrecke von rund 1200 km mit ca 700 km Sonderprüfung in der Gegend um Deva und Alba Julia im westlichen Teil der Rumänischen Karpaten ist der perfekte Einstieg in die anspruchsvolle Roadbooknavigation über lange Schotterautobahnen, durch stockdunkle Wälder und über Golfplatz-ähnliche Almen auf denen gelegentlich auch mit Waypoints oder Kompasskursen navigiert werden muss.

Im Fahrerlager um das Hotel Deva ist die Atmosphäre typisch italienisch gelassen und die Präsenz einiger Dakar-Teilnehmer garantiert gute Abenteuergeschichten beim abendlichen Erfahrungsaustausch. Die Ruhe währt nur kurz als Wölfl mit klapperndem Motor vom 100 km Prolog zurückkommt-ein Getriebeschaden zwingt zum Motorwechsel, den er in nur 2 Stunden  mit einem Ersatzmotor Schilchers erledigt.

Die erste Etappe von 260 km beginnt im strömenden Regen, der jedoch pünktlich zum Start der 180 km langen Sonderprüfung nachlässt. Nach einem schnellen Teil auf verschlammten dunklen Waldwegen geht es in die Höhe auf nasse Sandwege, die einen traumhaften Grip bieten und schliesslich wechseln sich die Almen mit kleinen Waldstücken ab.

Vorjahressieger Massimo Chiesa, als Letzter gestartet, rollt das gesamte Feld von hinten auf  und zieht einige Fahrer mit nach vorne um die erste Etappe vor Schilcher zu gewinnen.

Kurz vor dem Ziel der Sonderprüfung stellt die Navigation noch einmal höchste Ansprüche: durch Wiesenauen, die Reisfeldern ähneln, gilt es kleinste Passagen durch Gebüsch und Bachläufe aufzuspüren und die abschliessende Verbindungsetappe von 70 km ist alles andere als entspannend und fordert nochmal die letzten Kraftreserven in unendlichen Schlammtümpeln.

Auch die zweite Etappe empfängt uns wieder mit strömendem Regen und auf der ersten Alm herrscht Konfusion: der im Roadbook angegebene Fresstrog und das Kreuz sind im Schnürregen kaum wahrzunehmen und es muss nach Kompasskurs navigiert werden.

So langsam bekomme ich ein Gespür für die Interpretation des Roadbooks und fühle mich ziemlich schnell nachdem ich einige Fahrer überholt habe. Zwischenzeitlich hat der Regen aufgehört und die Spur geht durch 50 cm hohes, goldblondes, vom Wind gekämmtes Gras bis sie plötzlich vor einem Felsen stoppt. Vielle Einzelspuren gehen in alle Himmelsrichtungen, verunsichert sehe ich weiter vorne im Roadbook die Durchquerung eines Dorfes, dessen Dächer im Tal sichtbar sind. Während Grune mit einigen italienischen Piloten im Schlepptau die Alm absucht verstecke ich mich, um ungesehen die direkte Abfahrt ins Tal zu nehmen. Riesen Erleichterung als ich die ersten Motorradspuren wieder kreuze. In Hochstimmung grüsse ich den Fotografen auf der nächsten Alm mit einem netten Wheelie um mich gut 2 km später zu verfahren. Zu selbstsicher habe ich das Roadbook vernachlässigt während Wölfl und Grune von hinten auf mich auflaufen und sich auch verfahren.

Ich bin stinksauer und habe nicht die Kraft, um gleich zu reagieren-eine Gruppe von 10 Piloten überholt mich im Chaos auf der Alm und ich bleibe mit meinem Ärger 50 km alleine bis ich plötzlich wieder auf sie stosse, während sie hilflos auf einer Obstwiese umherirrt.

Einer der älteren,  italienischen Dakarfahrer nimmt fast unbeachtet eine Richtung ein, ich folge ihm blind durch den Obstgarten und lasse wieder 10 Piloten hinter mir.

Endlich ein Top 10 Tagesergebnis für mich während der Italiener Uslenghi gewinnt. Favorit Chiesa verliert 12 Minuten auf einer Irrfahrt , Wölfl wird 15., Schilcher nach einem Highspeedcrash (zum Glück ohne Folgen) nur 17., Grune 20.

Sonne und strahlender Himmel empfangen uns endlich auf der dritten und längsten Etappe mit 2 Sonderprüfungen von insgesamt 210 km Länge durch eine hügelige Steppenlandschaft.

Schnelle Schotterpisten wechseln mit tiefschwarzem Mutterboden, schwierigen Wiesennavigationen und bodenlosen Morasten aus Schlamm und Kuhdung. Auf den Feldern wimmelt es von Menschen und Pferdefuhrwerken die emsig und völlig ohne Lärm und ohne Landmaschinen ihre Arbeit verrichten. Die Zeit steht immer noch still auf den Dörfern in Transsilvanien während die ersten 3 Italiener praktisch zeitgleich zur zweiten, 150 km langen Sonderprüfung starten. Panik breitet sich aus als sie am ersten Tankstopp keine Benzinkannister antreffen! Nach kurzer Bersprechung beschliessen sie auf der Leerlaufdüse die 80 km bis zum nächsten Tankstopp zusammen zu fahren. Ich starte als Neunter und erwische alle Navigationspunkte richtig bis ich nach ca 100 km nur noch die frischen Fahrspuren der ersten Drei im Morast vor mir habe.

Hochmut kommt vor dem Fall ein weiters Mal als ich wenige Minuten später die Abfahrt ins Dorf falsch erwische und den Kontrollpunkt nicht finde. Nach 5 Minuten verzweifelter Suche läuft Wölfl mit Grune und anderen 12 Fahrern im Schlepptau auf mich auf-im Dorf entlädt sich ein  Inferno von Motorrädern, die kreuz und quer jeden Winkel absuchen. Ich hänge mich an Wölfl an und wir fahren verloren über die Wiesen auf der Suche nach einem Bambusgebüsch dass ich dann auch prompt finde, doch leider erwische ich die falsche Durchfahrt und versenke meine KTM komplett im Morast. 10 Minuten brauche ich für die Bergung während meine deutschen Freunde auf und davon sind und der als 16. gestartete Georg Grune sensationell die Sonderprüfung gewinnt. Die Tagesetappe geht an Schilcher vor Chiesa und Cuminetti.

Vor der letzten, 160 km langen Sonderprüfung liegt Chiesa in der Gesamtwertung 7 Minuten vor seinem Landsmann Uslenghi, der 6 Minuten nach ihm startet. Schilcher startet als Erster und wird von Chiesa eingeholt, Uslenghi schliesst nach rund 100 km auf die Beiden auf!

Wer direkter Zeuge dieser Aufholjagd geworden ist erzählt später mit Schauern vom Überholmanöver und dem stratosfärischen Speed des Italieners.

Doch es sollte nicht zumSieg reichen: Uslenghi stürzt beim Versuch, Schilcher und Chiesa

abzuschütteln, schliesslich setzt sich Chiesa an die Spitze um das Tempo zu kontrollieren und um Uslenghi zu verlangsamen.

Chiesa gewinnt zum zweiten Mal in Folge mit einer Minute Vorsprung vor Uslenghi, Schilcher wird Dritter. Ohne des Sturz am zweiten Tag wäre der Sieg des 22-jährigen Deutschen durchaus möglich gewesen.

Für Breslau-Sieger Wölfl reicht es nur zum 12. Platz, eine Position hinter seinem Teamkollegen Grune.

Die Carpat-Express Rallye hat durch eine gute Organisation überzeugt, das Roadbook könnte noch einige Verbesserungen erfahren, aber im Allgemeinen ist die Veranstaltung mit den längsten navigierten Sonderprüfungen Europas sowohl für Rallye-Einsteiger als auch für Rallye-Profis als Training für afrikanische Rallyes geeignet.

Die fahrtechnischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen, eine gute Kondition sollte aber für die bis zu 8 Stunden langen Tagesetappen Grundvoraussetzung sein.

Ergebnisse:

1.         Massimo Chiesa                      ITA                             11h51:02

2.         Mauro Uslenghi                       ITA                             11h52:08

3.         Thomas Schilcher                    GER                            12h25:54

4.         Andrea Caminetti                     ITA                             12h30:50

5.         Fabio Benetti                           ITA                             12h47:42

6.         David Casteu                           FRA                            12h56:08

7.         Beat Juen                                AUT                            13h05:48

8.         Christian Pastori                      ITA                             13h11:58

9.         Fabio Stragliotto                      ITA                             13h12:48

10.       Marco Sartori                          ITA                             13h13:34

11.       Georg Grune                           GER                            13h26:22

12.       Christian Wölfl             GER                            13h30:57

13.       Andrea Casentino                    ITA                             13h38:21

14.       Ernesto Venturi                        ITA                             13h38:45

15.       Klaus Nennewitz                      ESP                             13h42:13

ALLGEMEINE INFORMATIONEN:

Die Carpat-Express Rallye findet jedes Jahr in der ersten Augustwoche im Rumänischen Deva (Transsilvanien) statt und geht über 5 Tagesetappen mit rund 1200 km.

Kosten mit Ü/F bei frühzeitiger Einschreibung 2005: 900 Euro Fahrer, 420 Euro Mechaniker.

Möglichkeit, die gesamte Strecke mit Roadbook ausser Wertung nachzufahren (Raid).

Klima sehr variabel, mit Regen muss immer gerechnet werden, Temperaturen ca 13-25 ° C.

Motorrad muss mit Tripmaster und Roadbook ausgestattet sein, GPS vorteilhaft, FIM Enduroreifen vorgeschrieben.

Fahrtdauer München-Deva ca 15 Stunden, grosse Grenzübergänge vermeiden (Ferienzeit).

Veranstalter:                 Transcarpat Sportours International, tel 0040-722-560620, fax 0040-21-2433437, carpat.sportours@fx.ro, www.carpatrally.com