Enduro-Tour Umbrien von DonNikko
(Text und Fotos DonNikko)

(Hintergrundinfos unter www.lavalledeifalchi.com, auch auf der ital. Seite die OffRoadseite anklicken )

Hallo Leute!

nach dreimonatiger endurofreier Zeit und nachdem der Stress ins Unerträgliche gestiegen ist und ich keine Lust habe, mich auf irgendwelchen Crosstrecken für die Saison warmzufahren hilft nur noch der Komplettaustieg: full immersion in der Natur mit dem Dirtbike.

Ich suche ein bisschen auf Internet rum und finde tatsächlich einen agriturismo in Umbrien, der auf die Zucht selten gewordener Tierarten spezialisiert ist und nebenbei auch noch Endurofahren verspricht.....das kann nicht sein, denke ich mir, schicke ein E-Mail und bekomme am nächsten Tag die Antwort: es kann sein, und wie! Ich könne zum Endurofahren kommen wann ich Lust hätte....Bin etwas sprachlos, packe Donnerstagabend die WR auf den Bus, muss aber am Freitagnachmittag noch mal drei Stunden pennen, weil ich völlig ausgepumpt bin und fahre dann schliesslich um halb 6  Richtung Süden.

Über die Romea-Bundestrasse Venedig, Podelta, Ravenna, dann die E 45 Richtung Perugia-die Strasse ist lebensgefährlich geworden: LKW's im 6er Pack mit 60 dahinkriechend, riesige Schlaglöcher, der Asfalt an sehr vielen Stellen aufgebrochen...ich brauche für die 150 km bis Ravenna 2 1/4 Stunden....mit der RSV 1000 habe ich sowas in Glanzzeiten Freitagabend mal in 1 1/4 Stunden abgezockt....

Auf der Appenin-Nordseite liegt im Tal richtig Schnee der mich etwas unruhig macht, denn ich wollte ja Enduro und nicht Eisspeedway fahren, aber ab der Passhöhe bei Verghereto werden die Verhältnisse besser.

Nach gut 3,5 Stunden Fahrt biege ich auf die letzten Landstrassenkilometer ab, dann hört auch die auf, ein Schild weist zum agriturismo, Schotterstrasse vereist im Wald bergauf, zum Glück habe ich Winterreifen...1km,2km,3 km, kein Licht weit und breit, alles stockdunkel, durch den Tannenwald, endlich ein Licht, das muss es sein....kein Mensch zu sehen...mir wird fast ein bisschen mulmig, Schwung holen für die Auffahrt zum Parkplatz (Chabo-Rifugio CiaoPais lässt grüssen....) da kommen zwei riesige Köter bellend um die Ecke, ich gehe nicht vom Gas bis mir einer vorne rein knallt-oh shit, habe ich jetzt den Hund überfahren? Wieso hat der nicht gebremst?

Claudio, der agriturismo-Eigentümer kommt dick vermummt dazu-alles ok, ciao ciao come va......

Man bittet mich in die Küche, Anna, seine Frau bereitet mir das Abendessen (Salami+Gemüse Vorspeise kalt, Gnocchi mit Trüffeln, Huhn und Salat, Wein...) während wir uns kennenlernen: ehemaliger Motocrosser, vor 18 Jahren aus Rom hierher ausgestiegen, 10 Jahre restauriert vor Inbetriebnahme, in den 80ern Surfboards aus Kohlefaser (!) produziert usw....die Gespräche kommen aber bald wieder aufs Enduro zurück.

Nach dem Essen zeigt er mir die Garage: eine fast neue KTM 525, die ex-Coppins Cross-Honda CR 250 als Enduro, eine 50 er Beta und eine 80er TM-für die 15 und 16 Jahre alten Söhne-aha!

 

Haue mich aufs Ohr-ich bin der erste Gast dieses Jahr, deshalb ist die Bude saukalt und feucht, zum Glück habe ich mein komplettes Bettzeug im Bus...

 

Am nächsten Morgen: wouw!

Beobachtet von Greifvögeln aller Art gehe ich zum Frühstück, alles wie bei Muttern während Claudio und ein Freund schon an den Moppetts schrauben.

Der Freund heisst Marco, 41 Jahre, Engländer und Antiquitätenhändler mit neuer KTM EXC 250.

 

Wir brechen zu dritt auf:

Nach 200 Metern gleich die vereiste Pferdekoppel hoch, wir müssen nach 10 Metern umdrehen, ist noch nicht fahrbar, also weiter über Forstrassen, die Aussicht bei stahlblauem Himmel und ca 2-5 Grad ist traumhaft: schneebedeckte Gipfel, hier und da ein Gehöft, Eichen- und Pinienwälder, ich würde sagen, die Fernsicht ist so um di 50 km.

Claudio hat ein GPS auf seiner KTM in das er den Zielort eingegeben hat: nach ca 3 km geht es auf den ersten Trail  im Eichenwald der sich kurvig nach oben windet: alles so im 2-3 Gang, Erdboden wechselt mit (wenigen) Steinen, Eis, Holzrückwege mit fest gefrorenen Fahrspuren, richtig schön zum Spielen, an den Kreuzungen folgen wir dem Pfeil des GPS und wählen so den nächsten Trail.

So fahren wir ca 2 Stunden, es ist wirklich traumhaft- keine Förster, ab und treffen wir auf Leute, die an ihren alten Häusern restaurieren-immer ein Lächeln auf den Lippen.

Claudio möchte neue Strecken ausfindig machen, wir schlagen uns durch schweres Unterholz   bis wir an einem Bach stoppen müssen.

Marco und ich kommen ganz gut rüber, Claudio verliert beim Abstützen das Gleichgewicht und geht komplett unter Wasser!

Die KTM hat auch Wasser geschluckt, läuft aber bald wieder-wir müssen schnell nach Hause, bevor Claudio sich eine Lungenentzündung holt... ich denke mir, dass wir inzwischen ewig weit weg sind, aber nach 15 Min sind wir wieder zu Hause-ich kanns nicht fassen: soviel gefahren und Luftlinie nur ca. 5 km weit gekommen?

Claudio bleibt den Nachmittag vorm Ofen, Marco lädt mich ein, die Westseite des Appenin kennenzulernen.

Zu zweit starten wir, nach 3 km Asfalt geht es direkt von der Hauptstrasse rechts in einen Schotterhohlweg.

Marco entpuppt sich als aussergewöhnlicher Trailboss: er kennt die kleinsten Schleichpfade und will fahren, nur fahren-endlich...wir spulen so rund 20 km dicht beisammen gemeinsam ab ohne anzuhalten.

Ich versuche, mir einigermassen die Gegend einzuprägen und möchte ein paar Fotos machen, aber es bleibt keine Gelegenheit: fahren, fahren immer wieder durch ausgewaschene Hohlwege, teilweise singletrack-trails mit Anliegern im Wald.

Ich lasse ihn ein bisschen vorfahren, als ich zu ihm aufschliesse steckt  er bis zu den Radachsen in einem Schlammloch, das  ca 5 cm dicke Eis ist eingebrochen und hat seinen Vortrieb gebremst:

Wir spielen weiter bis wir ins Tal kommen, durchqueren eine Stadt von der Grösse Eschweges, tanken und sind bestaunt von den Autofahrern, die heute ihre Autos waschen-wir sind komplett mit Schlamm überzogen.

Ganz Engländer lädt mich Marc nach Hause zum Tee ein, ich habe schon Angst, dass der Trip hier aufhört, aber ganz im Gegenteil kündigt er an, dass wir jetzt Richtung Westen auf den Monte della .... fahren...

Und wir fahren und fahren....40 km mit erhöhtem Grundtempo, wir halten nie an, Marc kennt sofort alle Wege und trails, es   ist ein echter Traum...so bin ich bisher nur in Kalifornien Dirtbike gefahren-schnelle Schotterautobahnen wechseln urplötzlich mit trial-mässigen Einlagen, dann wieder Holzrückweg im Anstieg, gefrorener Boden wechselt mit feuchtem Sandboden und Gras und dabei immer diese Aussicht.

Ich möchte anhalten, um Fotos zu machen, aber Marc lässt mich nicht....Gas.

Und während wir uns da so nebeneinander "bekriegen" und ab und zu die Führung wechseln bekomme ich wieder die Bestätigung, dass Dirtbiken einfach ein grossartiger Sport ist: vor gerade mal 6 Stunden kennengelernt blasen wir nebeneinander durchs Dickicht, jeder weiss, was der andere macht und zwei Motorräder und zwei Fahrer harmonieren zusammen als ob sie das schon das ganze Leben lang machen-auf dem Rückweg kommen wir über eine feuchte Schotterautobahn zurück, die wir beim Anstieg nebeneinander hoch gerast sind-es ist verblüffend: die Spuren, die wir nebeneinander gelassen haben könnten von einem Rallyeauto sein...exakt parallel!

Auf gut 1000 Metern angekommen müssen wir leider in einem traumhaften und kalten Sonnenuntergang umdrehen, nach 5 km fährt Marc platt, ich biete an zu reparieren, was wir dann auch auf der Terasse eines Ferienhauses relativ schnell in 15 min erledigen:

Und wieder rasen wir ohne Pause 35 km zurück zum nächsten Tee.

Ich bin sprachlos: in einer zivilisierten Welt leben, einem geregelten Job nachgehen, eine intakte Familie mit drei Kindern haben und hinter dem Haus geht der Schotter los, der Dich in einen Offroadspielplatz beamt.

Ich fahre dann bei einbrechender Dunkelheit die 13 km zum agriturismo über die Strasse zurück-es ist kalt, unter 0 Grad.

Bierchen, Dusche, Nickerchen, Abendessen bei Muttern (mit anderen zwei Gästen aus Rom-keine Dirtbiker), um 11 ins Bett, kann überhaupt nicht schlafen, weil ich so aufgewühlt bin über diese Lebensform, die das Dirtbike als ganz normale Sache wie Brötchenholen ins Leben integriert.

Sonntagmorgen Pferde schauen und Frühstück während Claudio und seine zwei kids mit einem anderen Kumpel schon fertig angezogen sind.

Nach 1 km muss Claudio den Schalthebel an der KTM umsetzen

 

Und wieder geht es wie am Vortag: Trails, Schotterautobahnen, Unterholz, Wasserdurchfahrten...nur dass wir zu 6 etwas langsamer unterwegs sind.

 

Dennoch: die zwei Jungs sind mit ihren 50 + 80 ern recht flott unterwegs und stellen kein Hindernis dar.

Wir entdecken eine Auffahrt zu einem der schönsten Schlösser der Region, welches als besonders guter Aussichtspunkt bekannt ist:

Doch der Weg endet, einziger Ausweg ist eine unbewirtschaftete Wiese, die uns die letzten 200 Meter nach oben bringen soll: der Trailmaster weigert sich anfänglich, als ich auf die Jeepspuren im Gras hinweise gibt er nach.

Oben angekommen drehe ich mich kurz rum und sehe, dass sich zwei Crosser an unsere Gruppe angehangen haben, die aber plötzlich auf der Schotterstrasse in die andere Richtung davonpreschen-als ich wieder nach vorne schaue weiss ich warum: der Geländewagen der Guardia Forestale steht gut getarnt unter einer Pinie und erwartet uns seit einer halben Stunde-wir fahren ins offene Messer.

Ich halte mich aus der (ruhigen und freundlichen) Diskussion, gebe meine Papiere zur Registrierung und höre mit halbem Ohr, dass ich der Deutsche vom WWF bin, der seltene Tierarten in Umbrien beobachtet usw....(Claudio's römische Abstammung ist unverkennbar).

         

Nach 15 Minuten können wir weiterfahren, man sagt mir, dass solche Strafen sich hier auf 100 Euro belaufen.

Am Schloss müssen wir dann erstmal anhalten und useren Frust abbauen.

    

Wir stochern danach ein bisschen hilflos und disorientiert in der Landschaft rum und beschliessen, eine Bar aufzusuchen.

Anschliessend bringen wir die kids nach Hause, stärken uns nochmal schnell um dann auf den zweiten Teil der Tour zu gehen.

 

Wir fahren wieder die gleiche Strecke wie am Vortag Richtung Westen, nur dass wir diesmal zu dritt sind und uns richtig um die Führung prügeln.

Das Ergebnis ist, dass wir uns vor lauter Heizerei auf einem Lehmberg etwas verfahren und in einem Bachbett enden, wo wir eigentlich nichts zu suchen hätten.

  

Marc stellt sich wieder als unglaublich guter Trailboss heraus und findet einen Ausweg, nachdem wir aber eine gute halbe Stunde im Tal rumgewühlt haben nehmen wir nicht mehr den Ausgang zur Westseite-wir nehmen an, dass man uns dort schon erwartet. Stattdessen Ostseite und leise, leise wieder auf einen Hauptweg.

Zum Abschluss des Trips nocheinmal wunderschöne Ausblicke über eine rauhe und wilde Landschaft:

 

 

 

Kosten: 60 Euro pro Tag, Halbpension und Tour einbegriffen-besser als Rumänien und Chabo.....

Zum Abschluss hatte ich noch die Gelegenheit, folgende Moppetts zu testen:

KTM EXC 525: unglaublich starker Motor, wie der nach oben raus noch brennt ist im Vergleich zur WR 400  ein Riesenunterschied. Kaum Vibrationen, sehr handlich und schön zu fahren-könnte man empfehlen.

But: nach 3000 km ist das Alu-Kettenrad total zahnlos und bei 1000 km schon Gabeldichtringe gewechselt.

KTM EXC 250: gerade mal 1000 km,Gabeldichtringe verlieren literweise Öl (wurde erst bei km 800 für 190 Euro ohne Garantie gemacht!!!!)- scheint ein echtes schwerwiegendes technisches Problem zu sein.

Motor zahnlos, verschluckt sich bei niedrigen Drehzahlen, stirbt plötzlich ab, furchbar unregelmässige Laufkultur untenherum, Kupplung nicht genau dosierbar. Fahrwerk nicht schlecht: handlich und spurstabil, konnte ich wegen krummen Lenkers aber nicht voll austesten.

Die serienmässigen Gritty-Reifen sind eine Frechheit: ich habe ein paarmal böse Stürze riskiert, weil die ohne Vorwarnung auf nassem Grund einfach weggehen-lebensgefährlich, sollten verboten werden.

Nicht zu empfehlen

Husqvarna 410 (2001): das man mit sowas überhaupt Offroad fahren kann: steif, unhandlich, nervös (ich gebe zu, das Moppett war zu hart abgestimmt) in Kombination mit einem bei niedriger Drehzahl extrem bissigen Motor ist im Wald mit Steinen gefährlich: auf gefrorenem Boden verdoppeln sich im Vergleich zur 525 die Bremswege-keine Traktion, weder vorne noch hinten.

Extreme Vibrationen, die einen nach 5  km schon fertig machen.

Mein Tipp: so schnell wie möglich verkaufen.

Yamaha WR 400 2000 (des Autors): nach 16 Veranstaltungen im Vorjahr neu gepflegt: Kettensatz neu, Radlager gewechselt (waren noch ok), Bremsbeläge neu (vorne sind die original Yamaha die besten).

Handschützer der Pegaso 650 über die Acerbis Barkbusters gestülpt: bei Temperatuern um den Gefrierpunkt mit Acerbis Neopren-Handschuhen völlig ok-gutes Feeling fürs Bike, während die anderen mit Skihandschuhen gefahren sind.

Grossen Deckel vom Luftfilterkasten genommen: hat mehr punch im mittleren Drehzahlbereich (Cross-Schalldämpfer mit Reduzierstück und Lochblech)

Meiner Meinung nach immer noch die komfortabelste, anspruchslose und zuverlässigste Enduro zum Dirtbiken, etwas kopflastig und weniger handlich als die 525, Motor ist schwächer, Sitzbank zu hart und zu dünn.

Nochwas: ich hatte Neopren-Socken über die Baumwollstrümpfe getragen: total ok auch bei 0 Grad, ausserdem Goretex-Hose mit Sportunterwäsche, oben Wollpiulli über dem Sporthemd und Ufo-Endurojacke.

Ausserdem hat sich der kurze Gesichtsschutz an der Scottbrille im Integralhelm als hilfreich erwiesen, um durchs Dickicht zu blasen.

 

WICHTIG FÜR ALLE, DENEN ERNSTHAFT ETWAS AM ENDUROFAHREN LIEGT:

Es war eine aussergewöhnliche Erfahrung für mich, in Zentraleuropa so Enduro zu fahren.

Das kann nur weiter so gehen wenn wir alle rücksichtsvoll fahren, nach Möglichkeit in kleinen Gruppen (nicht mehr als 5-6 Leute) mit leisen Moppets.

Wir sollten die Menschen respektieren, in deren Heimat wir uns vergnügen: das heisst in Sichtweite von Siedlungen und Menschen langsam fahren, grüssen, keinen unnötigen Lärm machen, keine Reifenspuren hinterlassen und keinen Staub aufwirbeln.

In kleinen Bars oder Gaststätten auch mal anhalten und etwas konsumieren, freundlich und aufgeschlossen sein.

Und sich an die lokalen Organisatoren halten, die Kontakte zur Bevölkerung und zum Forst haben, nicht wild in einem fremden Land einfallen und mit Kolonialisierungsmentalität hirnlos durch die Gegend braten!

Und immer auf den Forstwegen bleiben, die der Tourguide angibt, keine neuen Sonderprüfungen oder challenging trails ausfahren-denkt dran dass wir hier nicht zu Hause sind!!!!

Nochmal: Respekt, Achtung, Offenheit und Bescheidenheit um unseren Sport auch weiterhin ausüben zu können und um apokalyptische Heerscharen wie am Gardasee in Zukunft zu vermeiden!

In diesem Sinne, ich hoffe, Ihr habt Euch amüsiert,

Euer Don Nikko

  (Hintergrundinfos unter www.lavalledeifalchi.com, auch auf der ital. Seite die OffRoadseite anklicken )