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“DIRT-BIKING IN KALIFORNIEN”

Dirt bikes, hillclimbing, desert-racing, Baja  1000-was verbirgt sich hinter diesen Zauberwörtern, die mir im Kopf herumirren seit dem nächtlangen Studium im zarten Pubertätsalter der Geländefahrerbibel der 80er Jahre „MOTOCROSS“ , geschrieben vom damaligen, ersten amerikanischen Moto-Cross Weltmeister Brad Lackey?
Was ist noch dran am amerikanischen Traum vom unbeschwerten Endurofahren in endlosen Wüstensteppen im neuen Jahrtausend oder wie verbringen die kalifornischen Dirtbiker im Zeitalter der virtuellen Realitäten von Silicone Valley heute ihre Freizeit?

Zum Check breche ich gut 10 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit der lokalen Dirt-Biker Szene  auf, um meine Freunde im Jawbone-Canyon in Kalifornien über Sylvester zu besuchen.
Jawbone Canyon ist ein Wüstencanyon ca 250 km nördlich von Los Angeles in der Mojave-Wüste.
In diesem “open riding area” von ca 25 km Länge und rund 5 km Breite kann man mit off-road Fahrzeugen aller Art ohne Limitierungen fahren. Der Canyon wird als Campbasis und als Startpunkt für Trailrides, die aus dem Park führen, genutzt. Im Canyon und in unmittelbarer Umgebung gibt es zahlreiche “Hillclimbs”, das sind mit Sand überzogene bis zu 400 Meter hohe Felsberge-ein Mekka für die südkalifornischen Fahrer starker und grossvolumiger Geländemotorräder  (600 ccm Viertakt oder 500 ccm Zweitakt), die sich an diesen Hügeln mit so fantasievollen Namen wie „The Wall“, „Butterball“ oder  „Oh Shit“ bis aufs Messer duellieren. Am Ende zählt nur eins: wer überhaupt oben ankommt, ist der Grösste. Die Tatsache, dass alle japanischen Hersteller in Kalifornien Entwicklungabteilungen für Geländesportmotorräder unterhalten ist auf die immensen Möglichkeiten zur Praktizierung diese Sports zurückzuführen: die ersten konsequent auf den Geländestress hin gebauten Sportmotorräder wie die Yamaha DT1 und die Honda Elsinore (benannt nach einem Ort südöstlich von Los Angeles) wurden dort und  für diesen Markt entwickelt, nachdem in den Fünfziger und Sechziger Jahren Umbauten der Triumph Zweizylinder, sogennannte „desert-sleds“ die beliebtsten bikes waren. Ubrigens sind fast alle Motorradszenen des Films „Die grosse Flucht“ von Steve McQueen selbst gefahren worden: McQueen war in den Sechziger Jahren einer der 10 besten Dirt-biker in Kalifornien-aber der Sprung über den Stacheldrahtzaun war dem Regisseur wohl doch zu gefärlich so dass er dafür einen Stuntman anheuerte.
Um heute in der kalifornischen Wüste Geländemotorrad zu fahren bedarf es keines Führerscheins aber eines sogennanten „Green sticker“, das ist ein an die Steuerzahlung von ca. 30 USD gebundenes  Nummernschild für Moto-Cross Maschinen. Diese Steuer wird zur Erhaltung von Riding-parks und trails an das US-Forstministerium weitergeleitet. Ausserdem benötigt man einen auf den Auspuff aufgesetzten Endschalldämpfer „Sparkarrestor“ zur Verhinderung des Austretens glühender Oelkohlepartikel welche die trockene Vegetation der Wüste in Brand setzen könnten.


  Bei der Ankunft im Canyon an Sylvesterabend bemerke ich, dass die Motorhomes generell grösser geworden sind und dass man sich immer noch unter Freunden mit der Familie trifft, ganze Wagenburgen sind um grosse Lagerfeuer herum aufgebaut, so wie seinerzeit bei den Planwagentrecks. Die Ausrüstung einer „normalen“ Familie lässt nichts zu wünschen übrig: grosser amerikanischer Pickuptruck und Wohnanhänger mit mindestens einem Motorrad pro Person.  Bei einer vierköpfigen Familie bedeutet das von den XR 80 der kids über die leichte 250er der Mutter bis zum grossen Viertakter des Vaters die gesamte Bandbreite des Angebotes. Ganz zu schweigen von den Spezialanfertigungen wie zum Beispiel der XR 80 meines Freundes „Snake“, seineszeichens Swimmingpoolbauer in Hollywood, der im reifen Alter von 52 Jahren einen 200 ccm-Motor in das Minifahrwerk gepresst hat, um sich damit warmzufahren, bevor er auf den richtigen Trail mit der (echten) 250er geht. Neujahrmorgen, 15 Fahrer sammeln sich  nach einer kalten Nacht mit Temperaturen um den Gefrierpunkt gegen 10.00 Uhr bei strahlendem Sonnensschein und ca 15 °C. Man trifft alte Freunde wieder, die Bäuche sind etwas runder geworden aber die Leidenschaft in den Augen eines jeden ist die gleiche geblieben. Es sind neue „kids“ aufgetaucht, die auf ihren brandneuen 250er Crossmaschinen den älteren unter uns (zum Teil um die 50)  erstmal so richtig um die Ohren fahren wollen und dies auch grossschnauzig zur Geltung bringen-ein Fall für Dan „The bombardier“ der als trailboss vornewegfährt.  Traumhafte single-track trails wechseln sich mit leichteren Hillclimbs ab. Man stelle sich vor, mit einer 600 ccm Viertakter am Vollgas hängend die Sandhügel in den glasklaren, strahlend blauen kalifornischen Winterhimmel zu blasen während die ersten Gerangel um die vorderen Plätze ganz konkrete Formen annehmen: der Staub ist für die Nachfahrenden eine gefährliche Sache und deshalb versucht man, jede Möglichkeit zum Uberholen wahrzunehmen-volle Rennatmosphäre und Competition. Dan hat zum „Ausfiltern“ der jungen Heissporne den „Ditch of doom“ (Graben der Verdammnis) in den heutigen trail mit eingebaut: nach einer haarsträubenden Abfahrt über Sand und loses Geröll landet man in einem ca. 5 Meter breiten ausgetrocknetem Bachbett, das mit Felsbrocken übersäht ist. Aus diesem Graben gibt es praktisch nur einen Ausweg: nach 5 Metern Anlauf gerade die Wand hoch, 45 ° Steigungswinkel auf 200 Meter Länge mit gewachsemem Fels, Sand und Geröll, es gibt nur eine Spur.  Die Experten nehmen die Auffahrt gleich auf Anhieb, stellen ihre Motorräder oben ab und geniessen das nun folgende Spektakel bei dem die kids die Alurahmen ihrer brandneuen Motocrossmaschinen verkratzen und sich die hyperpoppigen neuen Klamotten am Felsen aufreissen. Die Zeit drängt weil die Sonne in Kürze exakt parellel zur Steigung steht und damit die Sicht nach oben so gut wie unmöglich macht. Es spielen sich dramatische Szenen ab, nach 5 bis 6 Versuchen gehen den ersten die Nerven durch und sie versuchen eine neue Spur einzufahren-jedoch ohne Erfolg, die Hillclimbs enden mit ausbrechenden Hinterrädern, wheelie-provozierten Ueberschlägen oder Schwächeanfällen.


 

Ich schaffe es gerade noch so bis zum „She-way“, einem Ausweg nach 2/3 des Hillclimbs für die „Mädchen“ unter den harten Jungs. Damit bin ich den ganzen Tag dem Gespött meiner Kumpels ausgesetzt, aber mir geht es immerhin noch besser als denen, für die als Rettung nur ein Umweg von ca. 10 km aus dem Canyon in Frage kommt. Der ride geht weiter durch eine Landschaft, die in ihrer Rauheit und Vielfalt unbeschreiblich schön ist: die Farbtöne sind gestaffelt vom tiefen Rot bis Grün der verschiedenen Gesteinsschichten bis hin zum Stahlblau des  Himmels mit einem finalen Pinselstrich von weissem Schnee und  Grün der Pinien am Horizont der Sierra Nevada. Durch das Gebüsch und die Yucca-Kakteen zieht sich die weisse Sandschur des Trails, von dem man auf der einen Seite hinab in die 500-800 Meter tieferliegende Mojavewüste und auf der anderen Seite hinauf zu den Dreitausendern der Sierra Nevada schaut.
Nach dem ersten Aussieben sind von ehemals 15 Fahrern noch 11mit dabei, die technischen Sektionen des trails sind aber nach wie vor anspruchsvoll, so zum Beispiel beim hillclimb „Oh shit“ den man vom trail kommend zuerst hinunter fährt. Sein Name ist auf den spontanen Ausruf eines
unserer Freunde zurückzuführen, der Angstzustände bekam, als er am Gipfel stehend das Ende des Hügels nicht absehen konnte. Heute ist er unbezwingbar: es hat seit Wochen nicht mehr geregnet, und der tiefe Sand ist selbst für die 60 PS der 600ccm-Viertakter zu kräftezehrend.


 
Nach gut 80 km trailride kommen wir ins Basiscamp zurück, in dem sich diejenigen, die noch Kraft haben bis zum Einbruch der Dunkelheit an der „Wall“, einem rund 300 Meter hohen Felsen versuchen. Um einen erfolgreichen Aufstieg zu fahren, muss man mit mindestens 70-80 km/h am Fusse des Berges anfahren. Eine besondere Erfahrung bei dieser Geschwindigkeit ist der Uebergang von der Ebene in die Steigung: das Motorrad wird in der Federung zusammengepresst und im nächsten Moment hat man das Gefühl, wie von einem Fahrstuhl nach oben gezogen zu werden. Dabei wird das ganze Gewicht nach vorne über den Lenker verlagert, während das Hinterrad durchdreht und die Traktion mit Gewichtsverlagerung reguliert wird. Die goldene Regel: niemals vom Vollgas gehen. Nicht weniger interessant ist die Abfahrt: im Sand finden die blockierten Räder keine Bodenhaftung mehr so dass man mit gut 60-70 km/h den Berg hinutersurft um dann am Fusse in die Bremslöcher zu knallen in denen man ganz böse durchgeschüttelt wird.
Am Abend trifft man sich ums Lagerfeuer, wo Benzingespräche und Revolverstories von Bezwingern der grössten Felsenberge Kalifoniens die Runde machen. Interessantes Detail am Rande: es zählt weder deine soziale Stellung oder dein Geld oder dein neuer Helm mit Designer-Lackierung, geschweige denn man redet über den Job: zum völligen Abschalten vom „Rat-race“ der Megalopolis Los Angeles zählst nur du, dein Fahrkönnen und dein Dirt-Bike. Eine schizofrene Wochenendwelt.
Am nächsten Morgen löst sich dieses fantastische Ambiente auf: die meisten fahren wieder zurück nach LA, ich hänge zusammen mit meinem Freund Helli noch eine Tag dran. Wir brechen morgens auf, um den Pinetreetrail zu fahren, der von der Wüstenebene hinauf in die Wälder der Sierra Nevada auf rund 3000 m Höhe geht. Ich bin diesen trail noch nie gefahren und bin sehr neugierig nach den vielen Stories die ich über seine traumhafte Strecke gehört habe. Wir vetrauen beide auf rund 10 Jahre alte ATK 600 ccm Viertakter, die mit dem luftgekühlten Rotaxmotor perfekt unkompliziert und dennoch sehr stark sind. Die Wüste gehört uns heute alleine und nach mehreren Tagen zusammen sind wir wieder aufeinander eingespielt, so dass wir nebeneinander die gut 50 Kilometer bis zum Fusse der Sierra-Nevada durch ein ausgetrocknetes, ca 2 Meter breites Flussbett mit zum Teil meterhohen Anliegern fliegen-Adrenalin pur. Der Anfang des trails geht durch ein Meer von zum Teil hausgrossen Felsen, wir sind sprachlos angesichts dieser landschaftlichen Schönheit.
Auf rund 1500 Höhenmetern stossen wir auf ersten Spuren von Schnee, der den Staub auf dem Trail bindet. Die Nässe verbessert zum teil erheblich die Traktion.
Es ist gegen 1 Uhr nachmittags, als wir im Pinienwald inzwischen in gut 10 bis 20 cm hohem Schnee fahren. Vorsichtshalber lassen wir schon mal die Luft aus den Reifen um die Traktion zu erhöhen. Den Trail zu finden wird im Schnee immer schwieriger, ich verlasse mich auf meinen Freund Helli, der als exzellenter Pfadfinder bekannt ist.


 
Doch plötzlich merke ich, wie er leicht nervös wird und immer wieder mitten im Wald stehenbleibt, um nach dem richtigen Weg zu suchen: es ist passiert, wir haben uns verfahren!
Also, Motorräder abstellen und zu Fuss die weitere Strecke suchen. Wir laufen ein Gebiet so gross wie ein Fussballplatz im Wald ab, mit Crossstiefeln, Fannypack und Endurobekleidung im Schnee nicht gerade ein Vergnügen. Doch die Nervosität legt sich, als wir nach einer guten halben Stunde den trail wiederfinden-uff! Inzwischen sind wir vom Herumlaufen völlig durchgeschwitzt und als wir zu den Motorrädern zurückkommen bleibt uns vor Angst fast die Luft weg: im Schnee stossen wir auf bierdeckelgrosse Bärenspuren. Mir wird unheimlich, die ATK springt zum Glück an und Helli ruft mir noch zu dass es nicht mehr weit bis zur Forststrasse ist, über die wir dann schnell zurückfahren werden. Ich ertappe mich dabei, wie ich bewusst „so laut wie möglich“ fahre, dank Supertrapp kein Problem, um eventuelle „Verfolger“ zu erschrecken…

Als wir dann endlich aus dem Wald auf die Forststrasse kommen, es ist inzwischen 2 Uhr und gegen 4 Uhr wird es dunkel,wir haben kein Licht an den Motorrädern-wird uns siedendheiss klar, dass wir einen kapitalen Denkfehler gemacht haben: auf der ungeräumten Forststrasse liegt der Schnee viel höher als im Wald, da sie nicht durch Bäume geschützt ist. In Verwehungen bis zu einem halben Meter. Wir haben noch jeder einen halben Benzintank voll, das sind ca. 9 Liter und wir nehmen an, dass es bis zur (hoffentlich) geräumten Forststrasse ungefähr 10 km zu fahren sind…
Anfänglich haben wir noch das Glück, kleine, 2 bis 5 Meter lange schneefrei Stellen am Wegesrand zu finden: Motorrad bis dorthin schleifen, kurz ausruhen, dann 3.Gang einlegen und mit Vollgas in den Schnee so weit wie möglich und nie vom Gas. Wenn man dann im vierten Gang mit Vollgas und durchdrehendem Hinterrad rückwärts rutscht hilft nur schieben, schaufeln und zerren.
Als ich wieder feststecke kommt von hinten Helli angeblasen, ich gebe im Zeichen nicht anzuhalten und höre wie er fährt und fährt… 
Dann ist Stille und ich bin am Verzweifeln weil ich garnichts mehr von ihm höre und völlig feststecke. Pause machen ist unmöglich, wir sind immerhin auf 2000 Meter Meereshöhe und im Schatten ist die Temperatur inzwischen unter dem Gefrierpunkt, ausserdem sind wir völlig nass. Nach einiger Zeit kommt Helli zu Fuss zurück, er ist rund einen Kilometer gelaufen. Zu zweit erhöhen wir die Traktion am Hinterrad und nach 20 Minuten sind wir bei seinem Motorrad angelangt, das ohne Ständer im Schnee geparkt ist. Wir beschliessen, von nun an die Motorräder zu zweit immer ein Stück weiterzufahren. Auf diese Weise kommen wir unmittelbar vor Anbruch der Dunkelheit auf die tatsächlich geräumte Forststrasse: wir haben 2 Stunden für die 10 Kilometer gebraucht und unser  Benzin ist nach dieser Vollgasorgie fast alle. Das macht einen Durchschnittsverbrauch von 90 Litern/100 km!
Als ich Helli in den Helm schaue und mir ein blaues Gesicht entgegensieht packt mich die Panik: so schnell wie möglich runter von diesem verfluchten Berg in das Wüstental wo es nicht so saukalt ist…
Nach 20 Minuten sind wir unten, Helli hat mich die letzten 10 km geschoben oder gezogen.
Es ist stockdunkel, wir sind klatschnass und durchgefrohren, ohne Benzin und 40 Kilometer vom Camp…
Helli verschwindet in die Dunkelheit um bei irgendwelchen Farmern Benzin zu suchen, ich suche so schnell wie möglich alles Brennbare zusammen und mache auf einer Strassenkreuzung in der Mitte des Nichts ein Feuer, ziehe mich aus und fange an, meine Sachen zu trocknen. Und während ich da so in Unterhose stehe höre ich nach einer guten halben Stunde ein sonores Brummen in der Dunkelheit-Helli ist zurück mit fast vollem Tank und so steifgefroren, dass ich ihm helfen muss die nassen Klamotten auszuziehen. So verbringen wir gute 2 Stunden am Feuer ohne viel zu sagen, wir sind froh am Leben zu sein und geniessen die eine oder andere Zigarette.
Gegen 9 Uhr brechen wir den Rückweg an, zwei kleine Taschenlampen leuchten uns den Weg, schneller als im zweiten Gang können wir jedoch nicht fahren.Um 11 Uhr treffen wir im Camp ein, kochen uns noch einen Eimer heissen Tee und verkrümeln uns in die Schlafsäcke. Beim Heimflug dreht der Flieger eine Schleife direkt über der Mojave-Wüste, ich schaue hinab und denke mir so im Stillen, dass wir immer noch da unten sein könnten.Unsere kalifornischen Freunde haben es besser wenn es ums Geländefahren geht, kein Zweifel.Keine virtuelle Realität kann jemals die Empfindung der Verschmelzung von Motorrad, Landschaft, Geist und körperlicher Anstrengung zu einer Einheit ersetzen so wie das in Kalifornien heute (noch) möglich ist.