Enduro WM 2001 Ampezzo/Italien
Klaus Nennewitz
Hallo Jungs,
also, ich war letztes Wochenende auf der Enduro-WM in Ampezzo/Italien und werde Euch jetzt mal Einen erzählen:
Vorweg muss ich feststellen, das das Gebiet der WM rund um Ampezzo im oberen
Tagliamento- Tal (das ist ein Fluss) wirklich von ausserordentlicher Schönheit
ist: ein relativ weites Tal (so zwischen 5 und 10 km Breite), auf rund 500 bis
700 m über dem Meeresspiegel, im Frühjahr so wie gestern sind die ganzen
Blumenwiesen am blühen, umrahmt wird das ganze von rund 2000-2500m hohen
Bergipfeln, die gestern noch ordentlich verschneit waren-wirklich traumhaft und
das perfekte Ambiente, um einer neuen Flamme den Motorradrennsport näher zu
bringen.....
Also, wir sind von Venedig mit der Pegaso 650 losgefahren, Autobahn Richtung
Triest, dann Pordenone, auf der Bundestrasse am Truppenübungsplatz der Italian
Baja vorbei, alles relativ langweilige ca 130 km, aber dann.........
Dann gehts in die karnischen Berge, genauer bei Meduno am Tramonti-See beginnt
der Pass "Forcella di M. Rest", der sich bis auf rund 1000 m
hinaufschraubt.

Beim Cappucino-Boxenstopp halten 4 Jungs auf sogenannten "Hard"-Enduros
ebenfalls an. Auf meine Frage, ob man denn hier in der Gegend noch
"könne....." antworten sie, dass es wie beim Cappucino-Trinken sei:
ab und zu müsse man halt auch mal bezahlen....
Die Abfahrt vom Pass ist etwas ätzend, leider geht meine Hinterbremse nach den
ersten Kehren schon die Puste aus (wir haben immerhin alles dabei, um 2 Tage
autonom wild zu campen...).
Im Tagliamento-Tal stossen wir dann auf die ersten Wettbewerber: könnt Ihr Euch
noch daran erinnern als Ihr gerade so Fahrrad fahren konntet und dann Eure erste
Enduro-Veranstaltung im Konfirmanten-Alter besucht habt und dann war da dieser
komische Geruch, etwas süsslich, so fast Joint-mässig (aber davon habt Ihr ja
damals noch nicht gewusst), der einen einfach das ganze Leben lang nicht mehr
loslässt? Besonders schädlich ist er in Verbindung mit einer Prise frisch
gemähten Grases und dem Duft von Butterblumen, Mohn und Kamille....
Wahnsinn! Ich fahre wie in trance auf der Strasse einer 125er hinterher, meine
Begleitung fragt mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.
Im Pressezentrum gibt mir dann die freundliche sprachlich begabte überaus
bemerkenswert hübsche Dame einen Pass, um ins Fahrerlager zu kommen. So ein
Frust, nach 8 Jahren in Italien spricht man mich in zweisprachigen Gegenden
immer noch auf deutsch an…
Zwei der 4 Sonderprüfungen (pro Runde, Samstag werden 4 gefahren, Sonntag 2)
liegen direkt unterhalb des Ortes, so ca. 1 km entfernt. Wir fahren dann mit der
Pegaso direkt an den Start der Prova Speciale 4, wo die 400 er Viertakter gerade
am Ackern sind.
Ihr müsst Euch mal die Szene geben: Saftige, grüne Wiesen, voll mit Blumen, in
der Sonderprüfung hat sich eine ca. 1 Meter breite Spur aus schöner,
tiefbrauner Erde herausgefahren-absolut kein Staub, nur Traction, Traction und
nochmal Traction-und das ganze muss man sich dann mal in einer Umgebung ähnlich
der von Bad Tölz vorstellen-Waahnsinn im Moutain-ressort!
Aber das beste kommt noch: das ganze Dorf ist am feiern, alle 200 m gibt’s
eine Fressbude mit lokalen Produkten: Schinken, Wurst, Käse und das Glas Wein
für ‘ne Mark fuffzig-na da kann man doch wirklich nicht meckern-oder?
Also, das erste Mal nach einigen Jahren wieder mit der Enduro-WM konfrontiert
stelle ich fest, dass die Hinterräder beim Beschleunigen aus der Kurve heraus
im Anlieger wirklich auf dem Boden bleiben und das Vorschub angesagt ist-das
ganze sieht viel unspektakulärer aus als früher, aber das Tempo ist wirklich
hoch: man hat eher das Gefühl, dass die Jungs beim Beschleunigen in der Ebene
(also ohne Anlieger) auf diesem extrem griffigen Boden eher einen
Lenkungsdämpfer à la Yamaha R 1 benötigen weil sie so einen extremen Speed
auflegen.
Die Bremsmanöver sind so dermassen hart geworden, dass die momentanen
Telegabeln vielleicht bald am Limit sind: entweder noch steifer machen, um die
Torsion durch die Belastung der einzelnen Scheibenbremse zu verringern (was aber
Gewicht und Trägheitsmoment, sprich Handlichkeit negativ beeinflusst), oder man
sollte sich Gedanken über doppelte vordere Scheibenbremse und leichtere
Telegabeln machen- aber wenn‘s denn die Suppamootàs immer noch mit einer
Scheibe schaffen liege ich vielleicht mit meiner Prognose falsch….

Merriman ist heute unschlagbar: mit seinem partikolären Stil, ständig leicht
stehend und den Hintern ca 5 cm über der Sitzbank dirigiert er das Moppett
wirklich mit den Beinen. Unglaublich, wie eng die Jungs aus der Kurve fahren,
ohne dabei das Gas wegzunehmen. Durchschnittlich hat er in einer rund
5-minütigen Sonderprüfung ca 10 Sekunden auf den Zweiten herausgefahren und
der heisst immerhin Mario Rinaldi, seineszeichens vierfacher Weltmeister und in
diesem Jahr zum ersten Mal auf Yamaha unterwegs. Merriman hat so gut wie alle
Sonderprüfungen gewonnen und auch den Gesamtsieg errungen.
Bemerkenswert das Aufgebot des Husqvarnateams: trotz nicht enden wollender
Gerüchte über eine übernahme der Firma durch die Morgan-Grenfell-Gruppe, zu
der bereits Ducati und Piaggio gehören, ist von Endzeitstimmung nichts zu
spüren: rund 15 Werkspiloten- und Motorräder sowie die neue
Viertakt-Motorenfamilie 250 ccm und 400 ccm beindrucken.
Cyril Esquirol auf der kleinen, 250 ccm Viertakt- Husqvarna konnte jedoch gegen
IHN, den Grössten aller Zeiten, nichts ausrichten: Stephane Peterhansel auf der
250 ccm Viertakt-Yamaha live gesehen zu haben, ist so ähnlich wie bei der
Wiedereröffnung des Fenice-Theaters in Venedig Karten für die erste Reihe zu
haben: ein unvergessliches Erlebnis. Der Mann fährt das Fahrzeug wie ein
Strassenmotorrad:(begünstigt natürlich durch das Terrain der Sonderprüfung
und durch die Rallyeerfahrung: ein Rallyefahrer nimmt ja bekanntlich zweimal am
Tag die Füsse von den Rasten, einmal morgens beim Start und einmal abends bei
der Zielankunft…) maximale Schräglage und lässt das Bike leicht und
gleichmässig über beide Räder sliden. Hätte nie gedacht, dass man mit der
250 ccm-Viertakter soooo schnell sein kann-in einer Sonderprüfung hat er
absolute Bestzeit gefahren!
Auch die anderen Yamaha’s in dieser Klasse (Bergvall) liefen ziemlich gut, die
KTM’s haben noch ziemliche Probleme: Sala am Samstag, Rubin (immerhin
amtierender Weltmeister) ist am Sonntag mit Motorschaden ausgefallen. Die
Moppets haben bei weitem nicht so viel Punch wie die Yamaha’s.
Fahrwerksseitig
Ist schon schade, so einen Mytos wie Giovanni Sala am Ende der Motivation und
vielleicht auch Endurokarriere zu beobachten-was soll man machen gegen das
Alter? Er hat jedenfalls nicht mehr diese masochistische Härte, Ausdauer und
Motivation wie 1994 in Bergamo.
Noch so ein Fall ist Fabio Farioli: der hat seinen Fahrstil nicht mehr
umgestellt und sitzt, von der alten, kopflastigen 620er gewöhnt auf der 520 er
immer noch weit hinten und verliert dann am Kurvenausgang zu leicht den Grip und
die Kontrolle über sein Frontend. Aber was soll’s ihn schon kümmern, sein
Dad Arnaldo Farioli lässt ihn schon fahren auch wenn die Resultate nicht mehr
stimmen…
Die Zweitaktklassen sehen und hören sich wesentlich spektakulärer an, sind
aber zum Teil langsamer als die 400er Viertakter.
Gebe ganz ehrlich zu, dass ich die nicht so richtig verfolgt habe aus folgendem
Grund:
die Reihenfolge der Klassen war etwas seltsam und zwar zuerst
400 4T, dann +400 4T, 125 2T, 250 2T, +250 2T, 250 4T. Das führte dazu, dass ich, nachdem ich die + 400 4T gesehen habe (so wie damals in Eschwege, bei der EM am 28.04.1979 auf der blauen Kuppe) erstmal einen Fressbudenboxenstopp (Weinglas einsfuffzich……) einschob, während die anderen immer noch auf der Sonderprüfung tobten.

Anyway, soll ja auch nicht in die Motorsport Aktuell und ausserdem sind
Viertaktfahrer sowieso die besseren Menschen…..
Die letzte Runde haben wir dann sausen lassen und sind stattdessen mit der
Pegaso zum Sauris-see hochgefahren (bis auf 1800 m, wunderschöne Strasse mit
langen, kurvigen (!) Tunnels) um etwas Sonne zu tanken.
Treffen wir doch da oben eine Truppe von 6 Spaniern mitten auf einer Wiese mit
einem grossen Tisch der überquillt vom echten spanischen Food: wir werden
eingeladen zum Essen und steuern eine Flasche Wein bei (die hier im Veneto ein
jeder im Handgepäck hat) und verbringen einen Supernachmittag unter gleissender
Sonne mit Blick auf schneebedeckte 2500er…
Ach, was haben wir gelitten!!!
Nachdem wir unseren Rausch ausgeschlafen haben, fahren wir wieder ins Tal und
suchen uns einen wilden Campingplatz mit Blick auf die Sonderprüfung-meine
Begleitung fragt mich, ob die Hexen von Blair (oder so ähnlich) im Kino gesehen
habe-warum meint sie das?
Jedenfalls kommen wir bei der Fahrt zum Abendessen ins Dorf an der
Sonderprüfung vorbei, der Feldweg geht mitten durch und dann stehen wir da: zu
zweit auf der Pegaso, Tankrucksack, nach rechts geht die Auffahrt in einem
Weinberg hoch, 3 Meter breite Graspiste mit 5 cm brauner Erdschicht-noch
feucht!! Es ist kurz vor 8, weit und breit keiner zu sehen- wieso eigentlich
nicht???
Es ist unglaublich, mir kommen fast die Tränen und auch meiner Beifahrerin
macht’s Spass: kaum Bodenwellen, Traction ohne Ende so dass man auch mit einem
Dampfer seinen Spass hat.
Nach ca 5 Minuten treffen wir auf eine WR 400, seitlich abgelegt, und daneben
auf einen schmerzverzerrten Deutschen, der sich beim Abschluss seiner
touristischen WM-Runde auf den letzten 3 Kilometern die Schulter ausgerenkt oder
das Schlüsselbein gebrochen oder was weiss ich denn hat.
Ich hebe ihm den Bock auf und trete ihn an-fuck-ich muss meine Nerven
kontrollieren, um nicht gleich loszublasen….
Hebe ihn dann auf das Fahrzeug, wir hinter ihm her, nach drei Kurven überholen
wir ihn!!! Wowh!
Bei der Zufahrt aufs Ziel denke ich mir: na, der hat aber eine Menge Kumpels
dabei, die ihn am Ziel erwarten und tatsächlich winkt man auch uns schon von
weitem zu-die sind bestimmt beeindruckt, wie ich so mit der schweren Pegaso und
noch dazu zu zweit über die Sonderprüfung schiggere-die ganze Zeit habe ich
schon gedacht, dass die Leute hier in den Bergen echt netter sind als in der
Stadt….
Nach der Ausfahrt aus der Sonderprüfung rennen gleich drei Leute auf uns zu,
nur dass es hier nicht um Autogramme geht, sondern die wollen gleich die
Ausweise…………
“Sei un testa di cazzo! Sei un deficiente imbecile senza rispetto! Stronzo!
Porcodi qua e porco di là….”
Die Jungs vom Motoclub haben total die Nerven verloren, weil die
nordeuropäischen Endurotouristen mit kolonialistischer Grundeinstellung,
Arroganz und überheblichkeit seit Tagen kreuz und quer durchs Revier pflügen
und ihnen damit echt die Veranstaltung schwer machen.
Ich schäme mich wirklich für meine Landsleute, die mit unsachlicher und
unfeiner Diskussion das ganze Klima anheizen.
Als ich das Wort “Carabinieri” höre denke ich nur Scheisse und gebe
freiwillig meinen (deutschen) Ausweis an den ruhigsten von allen und verabrede
mit ihm, dass wir uns bei der Rennleitung wg. Personalienaufnahme usw.
wiedersehen. Bei der Fahrt dorthin gibt mir meine Sozia einen Schnellkurs im
italienischen Zivil- und Strafrecht, so dass mir klar wird, dass wir nichts zu
befürchten haben….
Man gibt mir meinen Ausweis wieder, und in dem Moment kreutzt auch die hübsche
zweisprachige wieder auf und schaut mich an nach dem Motto „…was, Du machst
so eine Scheisse, nachdem Du mir heute morgen die Ohren vollgesülzt hast von
wegen Du bist der seriöse Chefentwickler bei Aprilia, der sich die
Enduromoppetts anschauen will wegen Neuentwicklung…blah…blah…blah….“.
Ich glaube, der Blick der Liebsten im Moment der Trennung nach 20 Jahren
Zusammenleben kann nicht schlimmer sein…
Während wir die Kurve kratzen, werden die andern Endurofahrer im Auto
rangekarrt, ihre Moppetts haben die Jungs der Rennleitung hochgefahren…..
Eine Warnung für alle, die vorhaben, im Rahmen von Veranstaltungen auf ihren
Endurourlaub zu kommen!!!!
Passen wir wirklich auf und behandeln die Jungs, die sich echt den Arsch
aufreissen, um so eine Veranstaltung aufzuziehen, mit Respekt!
Ich schäme mich wirklich, auch für mich!
Die schlimmste Beleidigung kriegt aber meine Pegaso ab: “…und dass dann auch
noch so ein Arschloch wie Du mit einer TRANSALP (!!!!!) über die Sonderprüfung
heizen muss……”. Amen!
Also, Schock verdaut, wir geben uns den kulinarischen Genüssen hin und
verbringen einen ganz netten Abend im Dorf, sind jedoch etwas enttäuscht, weil
kaum Leute da sind.
Die Nacht im Zelt verläuft ziemlich ruhig (zuu ruhig…) und wir werden am
Morgen vom säuselnden Brüllen sämtlicher Typen motorisierter
Geländezweiräder geweckt, die allesamt schon sehr früh auf der Strecke
unterwegs sind und den Wassergraben, den ich ums Zelt gezogen habe, als Anlieger
benützen…
Von wegen nur Deutsche oder Österreicher. Die Lokalen sind aber schlauer und
wissen, dass morgens um 7 Uhr wirklich noch Keiner von der Organisation
unterwegs ist…
Das Rennen des zweiten Tages läuft mehr oder weniger ab wie das des ersten
Tages, die Hauptdarsteller sind wieder die gleichen, langsam setzt Langeweile
ein, weil selber fahren doch einfach besser ist.
Wir brechen dann so um 4 Uhr nachmittags wieder auf und entdecken eine weitere
traumhafte Strasse, diesmal von Ampezzo in Richtung Tolmezzo (nach Osten), in
Socchieve biegen wir ab in Richtung Süden nach San Daniele nei Friuli (das ist
da, wo es den guten Schinken gibt…).
Bemerkenswerte alte Militärstrasse (leider geteert), die letzten 30 km
super-Asphalt für Kurvenschwingen zu zweit.
Traumhafte Gegend für Outdoor-Erlebnisse jeder Art, Endurofahren bleibt aber
eher schwierig.
Der Vollständigkeit halber hier noch schnell die Ergebnisse:
1.Tag
125: 1. Silvan HVA 2.Rebufie KTM 3.Boano HON
250 2T: 1.SalminenKTM 2. BoanoHON 3.KnightYAM
250 4T: 1.PeterhanselYAM 2.BergvallYAM 3.EsquirolHVA
400 4T: 1.Merriman HVA 2.Arpa VOR 3.BernardKTM
+400 4T:1.Eriksson HVA 2.AholaVOR 3.CarlssonHBG
Total:1.Merriman 2.Salminen 3.Eriksson
2.Tag
125:1.PohjamoGAS 2.GermainKTM 3.SilvanHVA
250 2T:1.SalminenKTM 2.AroHVA 3.KnightYAM
250 4T:1.PeterhanselYAM 2.BergvallYAM 3.SalaKTM
400 4T:1.MerrimanHVA 2.BotturiKTM 2.ArpaVOR
+400 4T:1. AholaVOR 2.CarlssonHBG 3.ErikssonHVA
Total: 1.Merriman 2.Salminen 3.Ahola
Macht’s gut Jungs bis zur nächsten Veranstaltung!
Nenne (Don Nikko)